Leben und Wirtschaften auf Pump

Filed in Allgemein, Natural Capital by on 01/09/2013

World Overshoot Day war dieses Jahr am 20. August.  Das passende Thema für den Einstieg in ein Blog über intelligenteres Wirtschaften in einer Welt mit begrenzten Ressourcen.

Global Ecological Overshoot
(Source: Global Footprint Network )

Der World Overshoot Day – oder in etwas sperrigem Deutsch „Welterschöpfungstag“ – markiert den Zeitpunkt, an dem die Menschheit die innerhalb eines Jahres regenerierbaren Ressourcen der Erde bereits aufgebraucht hat. Unser Verbrauch für Produktion und Konsum übersteigt derzeit die Biokapazität der Erde um etwa 50 Prozent. Oder anderes formuliert:  Es dauert 1 Jahr und 6 Monate um das zu regenerieren, was wir Menschen innerhalb nur eines Jahres verbrauchen. Dabei bezieht sich die Biokapazität nicht nur auf Rohstoffe und Nahrungsmittel wie Wasser, Holz, Fisch oder Getreide, sondern auch auf die Fähigkeit der Erde, unsere Schadstoffe, einschließlich der Treibhausgase, zu absorbieren. Unser ökologischer Fußabdruck ist zu groß und den größten Anteil daran haben die 20 Prozent der Weltbevölkerung, die in den Industriestaaten leben.  Und dennoch lässt uns diese Tatsache merkwürdig unberührt. Besser gesagt, sie berührt uns vielleicht intellektuell, aber (noch) nicht unser Leben. Harald Welzer hat es in einer Buchrezension so formuliert:

„Die Besorgnis hat einen anderen sozialen und politischen Ort als die Produktion, der Konsum einen anderen als das Bewusstsein, und deshalb geht alles so weiter wie gehabt. Bis es eben nicht mehr weitergeht.“ (Harald Welzer, Die Zeit 37, 5.9.2013)

Der World Overshoot Day repräsentiert eben kein einmaliges Ereignis, sondern einen schleichenden Prozess, der sich größtenteils außerhalb unserer direkten Wahrnehmung abspielt. So lange sich unsere Supermärkte täglich wieder füllen, die Wohnungen warm sind und Strom aus den Steckdosen fließt, ist unsere Welt scheinbar in Ordnung. Und so kommt uns der ganze Planet wie ein unerschöpfliches Warenlager vor, das wie von magischer Hand immer wieder neu aufgefüllt wird. Ein passenderes Bild ist vielleicht das eines Sparbuchs. Die Menschheit lebte lange Zeit von den Zinsen, die unser planetares Sparbuch abwirft. Der Zinssatz variierte, aber die Mindesteinlage blieb konstant. Das ist vorbei. Wir leben längst von der Substanz. Damit reduzieren wir auch Tag um Tag den Ertrag, von dem unsere Kinder und Kindeskinder ihr Leben bestreiten können. Wir hinterlassen den uns folgenden Generationen  weniger Möglichkeiten, als wir sie selbst hatten. Ist das rational? Eigentlich war die Devise unserer Fortschrittsgesellschaft bisher, dass es die nächste Generation immer besser haben sollte als die vorangegangene.  Doch um welchen Preis?  Im Gegensatz zum finanziellen Kapital lassen sich zerstörte Ökosysteme und ausgestorbene Tier- und Pflanzenarten nicht mehr regenerieren.

„Mother Nature doesn’t do bailouts“ (Glenn Prickett, SVP Conservation International)

Das Global Footprint Network hat ausgerechnet, dass wir nicht nur 1,5 sondern fast 3 Planeten bräuchten, wenn alle 7 Milliarden Menschen so leben und konsumieren würden wie wir. Dummerweise haben wir nur die eine Erde. Also, was tun? Glauben wir wirklich, dass wir weiterhin der Hälfte der Weltbevölkerung nur ein winziges Stück vom Kuchen abgeben können, während wir bereits ihren Anteil am globalen Sparbuch verprassen und sie billig für unseren Wohlstand schuften lassen? Die Medien und das Internet tragen das Bild vom „guten Leben“ bis in die letzte Hütte und wer könnte es den Menschen verübeln, dass sie genau das auch für sich selbst und ihre Kinder wollen.

Wer den World Overshoot Day nur als einen weiteren Aufruf zum Verzicht versteht, sieht auch aus ökonomischer Sicht zu kurz. Verzicht liegt nicht in unseren Genen, die Fähigkeit  zur Kooperation und Innovation dagegen schon. Das hat unsere Art so erfolgreich gemacht. Natürlich kann man einfach weitermachen bis wirklich nichts mehr geht. Aber gehörten Eigenschaften wie etwas besser machen zu wollen, neue Lösungen zu finden und Herausforderungen zu bewältigen nicht einmal zu den Kernelementen von Unternehmertum? Dann könnte man von den Unternehmen zu Recht erwarten, dass sie endlich anfangen,  über den eigenen Tellerrand hinaus in größeren Dimensionen zu denken und nach Lösungen suchen, mit denen sie den eigenen Verbrauch am Gesamtkapital unseres einen Planeten minimieren und trotzdem einen gewinnbringenden Nutzen für die Gesellschaft erzielen können.

 

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