Papier Recycling im Backofen

Filed in Green Innovation by on 01/02/2014

iStock_Papier_SabineImmkenDas papierlose Büro ist auch im digitalen Zeitalter noch nicht in Sicht. Im Gegenteil. Allein in den deutschen Büros werden jährlich geschätzte  800.000 Tonnen DIN A 4-Papier verbraucht. Wenn man einen Güterzug mit dieser Menge beladen würde, wäre er an die 600 km lang und würde aus ca. 40.000 Waggons bestehen. (Quelle: www.papiernetz.de). Ein großer Teil davon sind Arbeitspapiere, die nur kurzzeitig benötigt und anschließend entsorgt werden. Anstatt diese Papiermengen aufwendig zu recyceln, wäre es viel effizienter, wenn man dasselbe Blatt Papier mehrmals verwenden und immer wieder neu bedrucken könnte.

Diesen Gedanken hatte auch ein chinesisches Forscherteam1, das jetzt ein Papier mit einem speziellen hydrochromen Farbstoff entwickelt hat. Im Normalzustand ist das Papier wie gewohnt weiß. Wird es aber mit Wasser bedruckt, erscheinen wie von Zauberhand die Schriftzeichen. Wenn die Ausdrucke nicht mehr benötigt werden, legt man das Papier für 30 Sekunden in einen 70 Grad Celsius warmen Backofen und holt es anschließend als weißes, unbeschriebenes Blatt wieder heraus. Im Labor konnte dieser Vorgang problemlos viele Male wiederholt werden.

Was sich so einfach anhört, ist ein kompliziertes Verfahren. Man braucht Farbstoffe, die im trockenen Zustand völlig farblos sind und nach dem Kontakt mit Wasser ihre neue Struktur möglichst lange behalten. Schließlich soll der Ausdruck nicht schon während des Meetings verbleichen. Das Papier muss auch noch mit einer Schutzschicht versehen werden, damit nicht bereits die Feuchtigkeit in der Luft oder an den Händen die Farbpigmente sichtbar macht. Noch ist das neue Papier nicht marktreif, die Konsequenzen für das Büro von morgen aber schon absehbar. Teure Druckerpatronen braucht man nur noch für Unterlagen, die lange lesbar sein müssen bzw. archiviert werden sollen. Alles andere druckt man mit Patronen, die einfach am Wasserhahn wieder aufgefüllt werden. Büros mit einem Herd in der Gemeinschaftsküche sind dann klar im Vorteil. Hier kann das Papier nach dem Aufbacken der Pizza gleich selbst recycelt werden. Allerdings muss man sich in Zukunft vor Wasserspritzer hüten, die werden nämlich auf dem Papier zu unschönen „Tintenflecken“.

Völlig neu ist die Idee vom wiederbedruckbaren Papier nicht, wohl aber der Druck mit Wasser. Bisher konzentrierten sich die Hersteller vor allem auf thermische Verfahren, bei denen die Pigmentierung und Depigemtierung bei unterschiedlichen Temperaturen erfolgt. Allerdings funktioniert das bisher nur mit einem speziellen Kunststoff-„Papier“ auf PET-Basis.

Das Forscherteam selbst betont, dass die Kosten für so einen Wasserdruck mit Spezialpapier nur einen Bruchteil der gegenwärtigen Kosten mit einem Tintenstrahldrucker betragen. Viel wichtiger ist aber die damit verbundene Reduktion des Papierverbrauchs.

Der Verbrauch an Papier- und Zellstoffprodukten wächst ungebremst. Schätzungen gehen davon aus, dass 2014 weltweit über 440 Millionen Tonnen produziert werden. Inzwischen merken auch die Produzenten, dass ihr wichtigster Rohstoff – das Holz – knapp werden könnte. So engagieren sich auch immer mehr Hersteller für eine nachhaltige Forstwirtschaft, verarbeiten Altpapier und kaufen Holz aus zertifiziertem Anbau. Deutschland ist zwar Weltmeister beim Sammeln von Altpapier, für eine jährliche Papierproduktion von 22,6 Millionen Tonnen (Stand 2012) müssen trotzdem noch große Mengen an primären Rohstoffen (Holz- und Zellstoff) importiert werden. Und die kommen inzwischen vor allem aus Südamerika.  Selbst wenn sämtliche Wälder der Welt nach den Kriterien des Forrest Stewardship Council (FEC) bewirtschaftet würden (abzüglich der Flächen, die als Ökosystem und CO2-Speicher so wertvoll sind, dass sie ohnehin nicht wirtschaftlich genutzt werden sollten), könnten sie nicht den enormen Holz- und Papierhunger von 7 Milliarden Menschen stillen.  Bäume wachsen langsam. Eine Fichte, die heute gefällt wird, wurde vor 100 Jahren gepflanzt, also zu einer Zeit, als auf der Erde noch nicht einmal 2 Milliarden Menschen lebten. Unser Papierkonsum hat einen entscheidenden Anteil am weltweiten Verschwinden der Wälder. Laut FAO-Waldbericht gingen in den Jahren 2000 bis 2010 jährlich 13 Millionen Hektar Wald verloren. Das entspricht in etwa der Fläche Griechenlands – jedes Jahr! Die Begleiterscheinungen sind bekannt: die Lebensräume seltener Tier- und Pflanzenarten gehen verloren, lokale Bevölkerungsgruppen verlieren ihre Lebensgrundlagen, der Klimawandel wird beschleunigt und der Boden erodiert. Das alles passiert weit weg vom Ort des Papierverbrauchs. Deshalb nehmen wir gar nicht wahr, welchen Preis wir inzwischen für Werbeflyer, unser Toilettenpapier oder das Papier zum Kopieren tatsächlich zahlen. Kreative Lösungen, die den Papier- und Waldverbrauch spürbar reduzieren, können wir also sehr gut gebrauchen.

1Lan Sheng  et al., Nature Communications, doi: 10.1038/ncomms4044

 Foto: @iStock.com/SabineImmken

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