Kein Sand mehr am Meer

Filed in Natural Capital by on 29/04/2014

Sand ist eine endliche, nicht nachhaltig genutzte Ressource. Und Sand wird knapp.

Foto: Arte F Die Inhalte dieses Beitrages basieren u.a. auf der Dokumentation von Denis Delestrac für Arte, „Sand - Die neue Umweltzeitbombe“.

Foto: Arte F
Die Inhalte dieses Beitrages basieren u.a. auf der Dokumentation von Denis Delestrac für Arte, „Sand – Die neue Umweltzeitbombe“.

Woran denken wir bei dem Wort Sand? An Spaziergänge am Strand? An das Gefühl, wenn der warme und weiche Sand unter den bloßen Füßen nachgibt? An Sandburgen, die den Wellen nicht standhalten? Doch wo kommt der Sand eigentlich her und haben wir wirklich unendlich viel davon, also Sand wie Sand am Meer?

Sand besteht überwiegend aus Quarzkörnern, also Siliziumdioxid und liegt längst nicht mehr (nur) am Strand. Sand ist überall, wo Menschen leben. Sand ist ein wesentlicher Bestandteil von Glas. Er steckt in vielen Kosmetika, in unserer Zahnpasta,  in Reinigungsmitteln und Papier und selbst in den Kunststoffen, aus denen Flugzeuge gebaut werden. Ohne Siliziumdioxid gäbe es auch keine Mikrochips, ohne die unsere digitale Gesellschaft nicht funktionieren würde.

15 Milliarden Tonnen Sand werden jährlich verbaut

15 Mrd. Tonnen Sand verbraucht die Bauindustrie. Das reicht für eine mehrspurige Autobahn von Erde bis zum Mond - jedes Jahr! Würde man die gleiche Menge Sand in Kisten mit 1m Kantenlänge packen, könnte man diese 26 Mal bis Mond stapeln.

15 Mrd. Tonnen Sand verbraucht die Bauindustrie. Das reicht für eine mehrspurige Autobahn von der Erde bis zum Mond – jedes Jahr! Würde man die gleiche Menge Sand in Kisten mit 1m Kantenlänge packen, könnte man diese 26 Mal bis zum Mond stapeln. (Credits: CQYoung via iStock)

Der größte Sandverbraucher ist allerdings die Bauindustrie. Seit etwa 150 Jahren bauen wir mit Stahlbeton. Weltweit bestehen mehr als zwei Drittel aller Gebäude aus diesem Material. Beton besteht aus Zement, aber vor allem aus Sand und Kies. Für ein Haus mittlerer Größe werden 200 Tonnen Sand verbaut. Für nur einen Kilometer Autobahn werden 30.000 Tonnen Sand benötigt. Man schätzt, dass die Bauindustrie jährlich die unvorstellbare Menge von 15 Milliarden Tonnen Sand verbraucht. Tendenz steigend.  Wo kommt all der Sand her? Sand wurde vor allem in Kiesgruben und Flussbetten abgebaut, doch diese Vorkommen sind bereits in vielen Ländern erschöpft. Also holt man sich den Sand von den Stränden und vom Meeresboden.  Singapur importierte den Sand für seinen Landhunger und Bauboom vor allem aus Indonesien. Als durch den Sandabbau 25 Inseln für immer von der Landkarte verschwunden waren, wurde es selbst dem Inselstaat zu viel und er verbot den Sandexport nach Singapur. Seitdem blüht der Schwarzhandel. Sand ist eine billige Ressource, mit der man dort, wo er Mangelware ist, viel Geld verdienen kann. So leiden die Malediven nicht nur unter dem steigenden Meeresspiegel als Folge des Klimawandels, sondern zusätzlich noch unter den sogenannten Sandfischern, die illegal Sand abbauen und dadurch die Erosion der Strände weiter beschleunigen. Der Sandabbau am Meeresboden ist auch eine ökologische Katastrophe. Die riesigen Sauger holen nicht nur den Sand aus dem Meer, sie zerstören das komplette Ökosystem. Das Nachsehen haben nicht nur die lokalen Fischer.

Aus Stränden werden Autobahnen und Hochhäuser

Dubai (Credits: Marrfa via iStock) 15 Milliarden Tonnen Sand werden jährlich verbaut. Zum Vergleich: 15 Mrd. Tonnen Sand sind ca. 10 Mrd. Kubikmeter. Würde man den verbauten Sand eines Jahres in Kisten mit einer einheitlichen Kantenlänge von 1 m packen, könnte man dieses Kisten 26 Mal von der Erde bis zum Mond stapeln.

Dubai importiert Sand aus Australien, weil man aus Wüstensand keinen Beton machen kann.
(Credits: Marrfa via iStock)

Selbst Dubai sitzt mit seinen ambitionierten Bauprojekten sandtechnisch auf dem Trockenen und importiert riesige Mengen aus Australien. Dubai, gibt es dort nicht jede Menge Sand in der Wüste?  Sand ja, aber zum Bauen ist Wüstensand komplett ungeeignet. Der Wind hat die Sandkörner so rund geschliffen, dass sie mit nichts zusammenhalten.

Geschätzte 75-90 % der Strände weltweit sind auf dem Rückzug. Die strandnahe Bebauung verstärkt den Effekt. Im Gegensatz zu Beton ist Sand ein sehr bewegliches Medium, das am Strand wandert und Stürmen und dem steigenden Meeresspiegel landeinwärts ausweicht. Ist der Weg verbaut, holt sich den Sand das Meer. Der resultierende Strandverlust ist auch eine wirtschaftliche Katastrophe. Ein Drittel aller Touristen verbringen ihren Urlaub am Meer. Es ist schon eine bittere Ironie, dass mit dem Sand die Autobahnen gebaut werden, auf denen die Touristen anreisen und die Hotels, in denen sie schlafen, aber das, weswegen sie vor allem gekommen sind, wird eines Tages nicht mehr da sein: der Sandstrand.

Sand ist eine endliche und unterbewertete Ressource

Sand entsteht durch Verwitterung und Erosion von Gesteinen. An die Strände gelangte er mit den Flüssen. Der Sand, den wir heute verbauen, ist über einen Zeitraum von vielen Millionen Jahren entstanden und auch nur scheinbar in unendlich großen Mengen. Auf dem Meeresboden bildet zum Beispiel nur eine relativ dünne Sandschicht die Basis des marinen Lebensraums. Der Erosionsprozess findet immer noch statt, allerdings gelangt der Sand nicht mehr zum Meer. Schuld sind unsere Staudämme. Allein in den USA gibt es 80.000 davon, weltweit sind es 845.000. In China wird bis 2020 kein Fluss mehr das Meer erreichen. Der Sandnachschub für die Strände steckt hinter den Staudämmen fest.

Sand ist nach dem Wasser das am häufigsten verbrauchte Wirtschaftsgut.  Aber Sand ist auch ein wichtiger Bestandteil vieler Ökosysteme und er schützt die Küsten und Küstenstädte vor Sturmschäden. Sand ist ein Wirtschaftsfaktor für die Tourismusbranche und er enthält Mineralien, die in vielen Industriezweigen gebraucht werden. Sand ist also viel zu wertvoll, um ihn zu verbauen. Doch wie bei anderen natürlichen Ressourcen bleibt auch beim Sand der tatsächliche Wert in der Preisbildung auf dem Markt unberücksichtigt. Der Rohstoff selbst kostet nichts, bezahlt werden nur die Arbeitskraft für den Abbau und der Transport. Es gibt Alternativen zum Beton, doch so lange Sand billig zu haben ist, macht die Bauindustrie weiter wie bisher und verspürt keinen Druck für Innovationen. Ein anderes Beispiel ist fein zerkleinertes Glas, das ganz ähnliche Eigenschaften wie Sand hat. Ein Viertel des Altglases wird nicht recycelt und könnte zu Sandersatz verarbeitet werden. Doch auch hier gilt: Sand vom Strand ist billiger zu haben.

Was sind uns unsere Strände wert?

Wem gehören die Strände und was sind sie uns wert? Sind wir wirklich bereit, die Strände dieser Erde für preiswerten Beton zu opfern? Und wie erklären wir diese Entscheidung zukünftigen Generationen, die Strände nur von Fotos und aus alten Filmen kennen werden?

Quellen und weitere Informationen

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